Das junge Münchner Ensemble Almanach erschließt den Kosmos des Kunstliedes neu - die den Text tragende Begleitung verwandelt sich in ein intensives, klangfarbenreiches Bühnenbild. Das klassische Repertoire trifft auf eine Besetzung, die in der Klangwelt des alpenländischen Kulturraums und seiner Volksmusik verwurzelt ist. Klarinette, Hackbrett, Akkordeon und Kontrabass begleiten die Stimme. Das im Herbst 2019 gegründete Quintett gibt so den typischen vertrauten Klang, öffnet aber gleichzeitig überraschende, überwältigende Räume.

 

Unter allen Gattungen der klassischen Musik gehört das Lied am wenigsten ins Museum: in ihm treffen sich Kunst und Geselligkeit, Überlieferung und Spontanität, Komplexität und Unmittelbarkeit. All das gilt es am Kunstlied neu zu entdecken - nicht durch Gefühlsduselei und Museumspädagogik, sondern durch überwältigende Musik und relevante Inhalte.

 

Im Lied treffen sich zudem Musik und Gedicht. Ein weiteres Markenzeichen von Almanach ist entsprechend die starke inhaltliche Durchdringung der Konzertprogramme. Aus dem reichen Fundus der Liedliteratur, weit über Winterreise und Dichterliebe hinaus, werden thematisch und atmosphärisch dichte Abende gestaltet. Es geht nicht um 'große Komponisten', sondern um großartige Komponistinnen und Komponisten. Es geht um die Freude am gemeinsamen Musizieren, Experimentieren und zwanglosen Musizieren, um die Freude an klassischen Kompositionen und Neukompositionen. Und die Freude bindet bekanntlich "wieder, was die Mode streng geteilt".

 

In der gegenwärtigen Situation besonders hervorzuheben ist die Agilität des Ensembles. Ohne den buchstäblichen Klotz am Bein kann Almanach auf wechselnde Bedingungen, wie z.B. Abstandsregelungen oder Saalgrößen reagieren. Aufführungen können in einem Kammermusiksaal, in einer Wirtsstube, im Innenraum einer Kirche im Museum ebenso stattfinden wie unter freiem Himmel. An den verschiedenen Orten auftreten zu wollen und zu können, ist dabei mehr als nur Resilienz in Zeiten von Corona, es gehört auch zum Konzept: Volksmusik gehört nicht nur ins Bierzelt, das Kunstlied nicht nur in den Konzertsaal. Almanach überbrückt den Riss, den Spalt, der diese Bereiche unserer Kultur heute trennt.

 

Der Begriff Almanach stammt, wie der Großteil der modernen Kultur, aus dem lateinisch vermittelten Arabischen; er bedeutet in etwa Jahrbuch, Rückschau, Kalender, Zeitkapsel, Blütenlese, Anverwandlung. Dem entspricht auch der Gestus der arrangierten Bearbeitungen: Sie hören "Gretchen am Spinnrad" nach Franz Schubert. Aber, versteht sich, mit Seele, mit alma.

 

 

Isabelle Rejall / Gesang                                            Michael Neumann / Kontrabass                                Maria Dafka / Akkordeon

Anna Pontz / Hackbrett                                             Jinny Lee / Klarinette